Übersetzung und Etymologica veritas (Am Beispiel von Genesis 2, 23)
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Pietro U. Dini
Published 2017-12-20
https://doi.org/10.15388/VertStud.2017.10.11271
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Dini, P. U. (2017) “Übersetzung und Etymologica veritas (Am Beispiel von Genesis 2, 23)”, Vertimo studijos, 10, pp. 20-44. doi: 10.15388/VertStud.2017.10.11271.

Abstract

[full article and abstract in Lithuanian; abstract in German]

In dem vorliegenden Beitrag setzt sich der Verfasser mit der noch wenig erforschten Frage des Verhält-nisses zwischen Übersetzung und Etymologie auseinander. Als Beispiel für Verdeutlichung und Illustrie-rung der hier vorgestellten Überlegungen wird eine bekannte Stelle aus dem alttestamentarischen Buch Genesis (2, 23) herangezogen, und zwar diejenige, an der Adam der ersten Frau ihren Name gibt. Beim Übersetzen dieser Stelle ist der Gebrauch eines „etymologischen Modells“ nach dem Prinzip der etymo-logischen Wahrheit aufspürbar.

Die Übersetzungen der in Rede stehenden Stelle werden zunächst in zahlreichen Sprachen sowohl der Antike – Hebräisch; Altgriechisch in den Fassungen der Septuaginta, Theodosians und Symmachus’; Lateinisch in den Fassungen der Vetus latina sowie der Vulgata des heiligen Hieronymus – als auch der Moderne angeführt. Unter den letzteren werden bis auf einige Ausnahmen die älteren Fassungen aus dem jeweiligen  Sprachbereich  bevorzugt.  Jedes  Sprachzeugnis  wird  philologisch-linguistisch  kurz  analysiert  und kommentiert.

Die  im  einzelnen  berücksichtigten  „moderneren“  Übersetzungen  der  Bibel  sind  die  folgenden:  für die germanische Sprachgruppe die mittelenglische Übersetzung von John Wycliff (1382) und spätere englische Übersetzungen  (authorized King James’ version, John Nelson Darby, Douay-Rheims und sog. Young’s  literal  translation);  die  deutsche  Bibel  Martin  Luthers  (1545);  die  isländische  Bibel  von  Guð-brandur Þorláksson (1584); für die romanische Sprachgruppe mittelalterliche französiche Übersetzungen wie die von Macé de la Charité, Evrat und auch anonyme Übersetzungen bis einschließlich Louis-Isaac Lemaistre  de  Sacy  (XVII  Jh.);  italienische  Übersetzungen  der  Bibel  von  Antonio  Brùcioli  (1532)  und  von Giovanni Diodati (1607); die kastilische Reina-Valera Bibel (1602); João Ferreira Annes d’Almeidas portugiesische Bibel (XVII. Jh.); die Montserrato-Fassung der katalanischen Bibel (1970); für die slavi-sche Sprachengruppe die Bibel von F. Skoryna; die tschechische Bible svatá (1613); die polnische Biblia Gdańska (1632); für die baltische Sprachengruppe: die altlitauischen Bibel von J. Bretke (1590) sowie die von B. Chylinskis und J. Quandt (1755); die altlettische Bibel von E. Glück (1684); für die ugro-finnische  Sprachengruppe  die  erste  estnische  Bibel  (1739),  eine  zeitgenössische  finnische  Übersetzung  (1965); die kalvinistische (1590) und die katholische (1973) Bibel in ungarischer Sprache.

Bei  der  Wiedergabe  der  uns  interessierenden  Bibelstelle  lassen  sich  hauptsächlich  drei  Überset-zungsverfahren  unterscheiden,  und  zwar  die  folgenden:  (a)  Ablehnung  des  „etymologischen  Modells“,  so vor allem in den Übersetzungen aus jüngerer Zeit; (b) partielle Annahme des „etymologischen Mo-dells“ zusammen mit unterschiedlichen Kompensationsverfahren bei der Übersetzung; (c) Annahme des „etymologischen Modells“, oft verknüpft mit ad hoc geschaffenen Neologismen. Jedes dieser drei bei der Übersetzung von Gen 2, 23 angewandten Verfahren wird ausführlich dargestellt und analysiert. Dabei zeigt sich, dass sich in den Bezeichnungen der ersten Frau Merkmale ausmachen lassen, die eher für Na-men als für Appellativa typisch sind.

Eine  Vergleichung  mit  dem  Bibelübersetzungverfahren  in  Ländern,  die  in  unserer  Gegenwart  evangelisiert  werden,  durchgeführt  am  Beispiel  der  Sprache  Kikongo  in  der  Republik  Kongo  und  in  Angola, fördert weiter zutage, wie sehr man sich von dem „etymologischen Modell“ nach dem Prinzip der etymologischen Wahrheit entfernt hat.

Schließlich  werden  Erwägungen  dazu  angestellt,  ob  und  eventuell  aus  welchen  Gründen  sich  die Etymologie beim Übersetzen als Ballast erweisen kann. Unter dieser Perspektive möchte der Autor Etymologie innerhalb des semantischen sprachlichen Anisomorphismus ansehen. Die Etymologie könn-te  sogar  als  Maß  (als  sogenannter  „ontoglottischer  Koefficient“)  für  die  Bestimmung  des  Unterschieds  zwischen Sprachen angesehen werden.

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